Persönlicher Brief an die Abgeordneten

09. Oktober, 2019

Vor der Abstimmung über die Widerspruchslösung im Deutschen Bundestag hat unser Ehrenvorsitzender Hans Wilhelm Gäb noch einmal persönlich alle Abgeordneten angeschrieben:


Persönlichkeiten des deutschen Sports bitten um Ihr Gehör.


Es ist eine tödliche und beschämende Tatsache: Unser Land, in dem doch das soziale Miteinander ein großes Ziel ist, liegt unter den westeuropäischen Nationen bei der Zahl der Organspenden auf dem letzten Platz. Und täglich sterben drei Menschen, weil sie vergeblich auf ein rettendes Spenderorgan warten.

Ich selbst gehöre zu den glücklichen Überlebenden der Warteliste. Seit nun 25 Jahren bin ich lebertransplantiert. Auf das Spenderorgan habe ich vier Jahre lang gewartet. Ein Nierenkranker wartet acht bis zehn Jahre, vorausgesetzt, er überlebt diese Zeit.

Die Misere liegt nicht an der Hartherzigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Denn mehr als drei Viertel unter Ihnen finden Organspende gut. Es liegt vor allem an unserer derzeit hemmenden Gesetzgebung.

Bei der kommenden Abstimmung über eine neue gesetzliche Ordnung der Organspende können Sie persönlich nun das Elend der rund 12.000 deutschen Patienten, die auf den Wartelisten zwischen Leben und Tod hängen, entscheidend eingrenzen.

Sie haben im Parlament die Wahl. Sie können einem in unseren Augen gut gemeinten, aber leider bürokratischen, umständlichen und – wie wir fürchten – am Ende wiederum wirkungslosen Vorschlag zustimmen. Oder eben der Widerspruchslösung, für die sich mehr als zwanzig europäische Demokratien, darunter Frankreich, die Niederlande, Tschechien, Polen, die Slowakei, Italien, Ungarn, Österreich, Spanien und nun auch Großbritannien entschieden haben.

Die dort von den Parlamenten eingeführte Widerspruchslösung hilft effektiv und erfolgreich dabei, todkranken Menschen die Chance auf ein Weiterleben zu geben. Und sie führt dazu, dass es für die Bürger eine Selbstverständlichkeit wird, sich zu Lebzeiten für oder gegen eine Organspende nach dem eigenen Tod zu entscheiden.

Die Widerspruchslösung bedeutet, dass jeder Mensch nach seinem Tod ein potenzieller Organspender ist, wenn er dieser Regelung nicht vorher bei einer formellen Befragung widersprochen hat. Hat er nicht widersprochen, kann er das aber immer noch jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt tun.

In Respekt vor Ihrer Verantwortung frage ich Sie: Ist es den Bürgern in einem freien Land nicht zuzumuten, Ja oder eben auch Nein zu sagen, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht?

Die Widerspruchslösung bedeutet doch eben keinen Eingriff in die persönliche Entscheidungsfreiheit, sondern allein die Aufforderung an unsere Mitbürger, ihre Entscheidungsfreiheit zu nutzen

FREIHEIT IST, WENN MAN WIDERSPRECHEN KANN.

Im Namen der unten genannten deutschen Sportpersönlichkeiten und rund einhundert weiteren Olympiasiegern, Welt- und Europameistern, die sich als Athleten dem Helfen und dem Miteinander verschrieben haben, bitte ich Sie als Gründer und Ehrenvorsitzender von „Sportler für Organspende“ um Ihre Unterstützung.

Auf der Warteliste für eine Transplantation stehen Mütter, Väter und Kinder. Geben Sie bitte diesen kranken Mitbürgern die Chance auf ein neues Leben.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Hans Wilhelm Gäb

Im Namen von

Franziska van Almsick
Timo Boll
Heiner Brand
Fredi Bobic
Heide Ecker-Rosendahl
Birgit Fischer
Fritz Fischer
Hartwig Gauder
Michael Groß
Georg Hackl
Max Hartung
Mario Kummer
Franziska Liebhardt
Olaf Ludwig
Henry Maske
Rosi Mittermaier-Neureuther
Ulrike Nasse-Meyfarth
Uwe-Jens Mey
Steffi Nerius
Felix Neureuther
Christian Neureuther
Karl-Heinz Rummenigge
Matthias Steiner
Klaus Steinbach
Kristina Vogel
Jens Weißflog
Isabell Werth
Klaus Wolfermann